Ein Ultraschallbild und ein Kirchenbesuch

An einem späten Vormittag sendet Carmen (38) eine E-Mail an die SHMK-Notrufzentrale. Sie bittet auf Spanisch um Hilfe für eine Abtreibung. Eine Beraterin, die Spanisch kann, ist bis am Mittag noch mit einer anderen Frau beschäftigt. Sie plant, Carmen am frühen Nachmittag zu antworten. Aber welche Überraschung: Als sie für die Mittagspause ihr Büro verlässt, stehen Carmen und ihr Freund, der Kindsvater, vor der Tür der SHMK-Notrufzentrale!

Verantwortung für ein Kind übernehmen.

Carmen zu ihrer Beraterin: «Ich bin riesig dankbar, dass ich zur SHMK kam.»

Die erstaunte Beraterin verbringt die Zeit der Mittagspause im Gespräch mit den beiden.

 

Unerwarteter Gesprächsverlauf

In der langen Unterredung erfährt die Beraterin, dass Carmen aus Lateinamerika kommt und sich in der Schweiz mit einem Touristenvisum aufhält. Ihr Freund, der Kindsvater, ist Schweizer. Wegen ihm ist sie in die Schweiz gekommen. Sie hat von ihm bereits eine siebenjährige Tochter, die in ihrer Heimat lebt und die sie zu sich und deren Vater holen möchte. Carmen hat in der Schweiz keine Krankenversicherung und scheut darum die hiesigen Kosten für medizinische Leistungen. Hinzu kommt, dass ihr Freund vor kurzem seine Stelle verloren hat. Sie sieht keinen anderen Ausweg als die Abtreibung.

Die Beraterin macht ihnen klar, dass die SHMK Schwangeren in Not hilft, damit sie ihr Kind behalten können, aber nicht, es zu beseitigen. Die beiden sagen, sie hätten keine Mühe mit einer Abtreibung.

Das Gespräch verläuft allerdings ziemlich anders, als die beiden es erwartet haben. Im Verlauf der Unterredung gewinnt die Beraterin den Eindruck, dass Carmen doch etwas nachdenklicher geworden ist und wohl erstmals den Gedanken an ihr Kind zulässt.

 

Beim Arzt und in der Kirche

Die Beraterin empfiehlt Carmen einen Arzt, der mit der SHMK zusammenarbeitet. Tatsächlich sucht Carmen diesen Arzt auf. Dort sieht sie im Ultraschall die Bewegungen ihres Kindes und hört sein Herz schlagen. Sie ist tief bewegt. Vom Arzt bekommt sie ein Ultraschallbild ihres Kindes.

Nach der Untersuchung betritt sie eine Kirche. Dort tritt eine starke Veränderung bei Carmen ein. Sie erzählt später der Beraterin darüber: Die Atmosphäre in der Kirche habe sie überwältigt. Noch in der Kirche habe sie sich entschieden, ihr Kind definitiv zu behalten, ganz gleich wie ihr Leben weiterhin verlaufen würde.

 

Ein harter Schlag

Der Freund macht Carmen vorerst Hoffnungen auf eine Heirat. Aber dann erfährt sie mit Schrecken, dass er eine andere Freundin hat. Mit Carmen gibt er sich immer weniger ab. Mittellos lässt er sie in seiner winzigen Wohnung sitzen!

Mit Nothilfegeldern der SHMK kann sich Carmen Nahrung kaufen. Auch die nötige Bekleidung für sich und die Babyausrüstung erhält sie aus dem Magazin der SHMK. Dann kommt die Corona-Krise und an eine Rückreise in ihr Land ist für die inzwischen Hochschwangere vorläufig nicht zu denken.

 

Glücklich und dankbar

Carmen bringt schliesslich eine gesunde Tochter zur Welt. Bereits wenige Stunden nach der Geburt ruft sie die Beraterin an, um ihr davon zu berichten. Sie ist überglücklich. Und das, obwohl ihre Lage schwierig ist. Der Kindsvater hat zwar die Tochter anerkannt, was aber seine Unterhaltspflichten betrifft, könnte eine gerichtliche Auseinandersetzung notwendig werden.

Je mehr sich ihr Freund von ihr entfremdet, desto mehr überlegt sich Carmen, statt ihr Kind aus der Heimat in die Schweiz zu holen, mit ihrer kleinen Tochter in ihr Land zurückzukehren. Vorher jedoch möchte sie ihre Tochter an Weihnachten in jener für sie jetzt so bedeutsamen Kirche taufen lassen!

Im Rückblick auf ihren durchgestandenen Schwangerschaftskonflikt äussert sie zur Beraterin: «Es war die schwierigste und wichtigste Entscheidung. Ich bin riesig dankbar, dass ich zur SHMK kam. Sonst wäre meine Tochter nicht am Leben.» Aus Dankbarkeit gibt sie der Tochter als Zweitnamen den Namen ihrer Beraterin. «Ohne euch hätte ich es nie geschafft», vertraut sie dieser an.