«Ich werde keiner Frau Mittel für die Abtreibung geben»

Der «Hippokratische Eid» wird heute nicht mehr geleistet. Hielten sich alle Ärzte daran, würde keiner eine Abtreibung vornehmen.

Als Arzt eine hohe Berufsethik aufrechtzuerhalten, erfordert heute ein starkes Rückgrat. Nicht nur der «Eid des Hippokrates», auch das im Vergleich dazu bereits deutlich abgeschwächte «Genfer Gelöbnis» von 1948 gerät immer mehr in Vergessenheit. Dies zum Nachteil besonders auch der schwächsten der Patienten: der ungeborenen Kinder.

Ärzte im Dilemma: «Soll ich – darf ich gegen meine eigene Überzeugung handeln? Darf ich eine Abtreibung durchführen?» (Bild: Ingram Vitantonio Cicorella/PantherMedia)

Hippokrates von Kos war ein griechischer Arzt, der um 460 bis um 370 v. Chr. lebte. Er wird als berühmtester Arzt der Antike und als Begründer der wissenschaftlichen Medizin betrachtet. Nach ihm ist ein Eid benannt, der als erste grundlegende Formulierung einer ärztlichen Ethik gilt. Der Eid spricht eine deutliche Sprache:

«Ich schwöre (…), dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde. (…) Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden. Auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten; auch werde ich keiner Frau ein Mittel für die Abtreibung geben. (…) In alle Häuser, in die ich komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten Unrecht und jeder Übeltat (…).»

Doch die angehenden Ärzte leisten diesen Eid seit 1948 nicht mehr. Damals wurde er durch eine «moderne Alternative» ersetzt, nämlich durch die «Genfer Deklaration des Weltärztebundes», auch «Genfer Gelöbnis» genannt. Auch sie hat seither schon mehrere Revisionen erfahren. Abtreibung und aktive Sterbehilfe werden im Genfer Gelöbnis im Gegensatz zum Eid des Hippokrates nicht mehr ausdrücklich erwähnt. Auszüge aus dem Genfer Gelöbnis:

«Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich: mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. (…) Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. (…) Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung. Ich werde jedem Menschenleben von seinem Beginn an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden. Dies alles verspreche ich feierlich frei und auf meine Ehre.»

Willkür macht sich breit

Jede Universität hat unterdessen ihren eigenen Umgang mit dem Thema Ärztegelöbnis entwickelt. In Zürich und Basel wird heute bei der Diplomfeier den jungen Ärzten zum erfolgreich bestandenen Staatsexamen ein Gelöbnis vorgelesen, jedoch in Basel ein anderes als in Zürich. In Basel ist das Gelöbnis kürzer gehalten und weist zudem ausdrücklich auf die Willensfreiheit des Patienten hin. In Bern wurde das Gelöbnis 1994 ersatzlos abgeschafft. In Genf erhalten die Diplomanden als Geschenk eine Rolle mit dem Eid des Hippokrates; es wird aber weder ein Schwur verlangt, noch der Eid vorgelesen.

Ein Walliser Hanfbauer hat kürzlich landesweit mit seinem Hungerstreik Schlagzeilen gemacht. An seinem Beispiel wird die zunehmende Willkür in der ärztlichen Berufsethik sichtbar: Die Ärzteschaft hatte sich geweigert, den Hanfbauern zwangszuernähren, weil dies nicht im Interesse des Patienten sei. Weigert sich aber ein Arzt, eine Abtreibung durchzuführen, und beruft sich dabei auf die Interessen des kleinen «Patienten» (des Kindes), riskiert er, von der Spitalleitung entlassen zu werden. Wo bleibt da die Logik? Wo bleibt im Hinblick auf fast 11'000 Abtreibungen pro Jahr das Gebot der Menschlichkeit?

Zwang zur Abtreibung

In der Schweiz wird den jungen Ärzten während ihrer Ausbildung nicht mehr von Abtreibungen abgeraten. Ganz im Gegenteil: Möchte jemand Frauenarzt werden, wird er gezwungen, Abtreibungen durchzuführen. Ärzte, die keine Abtreibungen durchführen wollen, kommen in der Regel nicht darum herum, ihre Ausbildung teilweise im Ausland zu absolvieren.

Dieser Missstand führt dazu, dass manche Frauenärzte, die anfangs eigentlich keine Abtreibung durchführen wollten, trotzdem damit beginnen und sich mit der Zeit daran gewöhnen. Nur wer sehr stark ist, kann dem Druck des Umfeldes standhalten und seinem Gewissen folgen. Die Formulierung eines neuen Ärztegelöbnisses und die Stärkung der Gewissensfreiheit des Medizinalpersonals wären dringend notwendig.